Die Bruderschaft des Craig

Kapitel 3

Etwa eine Stunde später begrüßten Captain Scott und Lieutenant Jordan im kleinen Konferenzsaal Brudermeister Craig und Kane. Craig kam umgehend zur Sache: „Captain Scott, ihre uniformierten Wachhunde holten mich aus einer wichtigen Meditation. Sie treiben unsere Brüder und Schwestern wie Vieh in ihr Schiff. Viele wertvolle und uralte Reliquien unserer Religion sollten wir wie Altkleider in Säcke und Kisten verpacken. So lassen wir uns nicht behandeln!“ Captain Scott setzte sich in seinen Sessel und sagte: „Brudermeister Craig, dies ist eine Rettungsmission, kein Umzug. Vergessen Sie das bitte nicht!“ Craig wurde rot vor Wut: „Wir haben doch noch viel Zeit. Was haben Sie es so eilig? Mit der Sauerstoffversorgung aus ihrem Schiff könnten wir doch noch einige Wochen bleiben und unsere Arbeiten abschließen. Da draußen liegen abgebaute Rohstoffe für 1 Milliarde Credits. Die werden wir nicht einfach so hierlassen!“ Scott blieb gelassen: „Ich kann Sie ja verstehen, aber jeden Tag, den die Canyonbreed vom Kurs abweicht, kostet ebenfalls ungefähr eine Milliarde Credits. Ich werde bereits jetzt der DNG Corporation Rechenschaft ablegen müssen, warum wir erst mit ca. 7 Tagen Verspätung ankommen. Aber ich glaube, Sie vergessen, dass wir hier gerade ihre Leben retten. Sie haben jetzt noch genau 10 Stunden und 15 Minuten bis wir abfliegen. Packen Sie bitte nur ein, was ihnen wirklich wichtig ist.“ Craig machte einen bedrohlichen Schritt in Richtung Scott, aber sofort stellte sich Lieutenant Jordan vor seinen Captain und verschränkte entschlossen die Arme. Scott betätigte den Kommunikator: „Sergeant Dillon, hier ist Captain Scott. Stoppen Sie umgehend die gesamte Evakuierung und … “ Craig hob beschwichtigend die Arme: „Captain, das können Sie nicht machen! Ok, ok. Ich habe verstanden! Ihr Schiff, ihre Regeln!“ Scott sprach wieder durch den Kommunikator: „Sergeant Dillon, neuer Befehl: Sorgen Sie dafür, dass alle Mitglieder der Bruderschaft und deren Ausrüstung sicher an Bord kommen. Ich möchte, dass wir in genau 10 Stunden startbereit sind.“ – „Jawohl, Sir!“, dröhnte es aus dem Kommunikator. Brudermeister Craig drehte sich wortlos auf dem Absatz herum und verließ den Konferenzraum. Kane folgte ihm wie ein Hund an der Leine. Scott musste schmunzeln: „So nette und dankbare Gäste hatten wir schon lange nicht mehr, oder Jordan?“ Dem 1. Offizier war nicht nach Lachen zumute: „Ich bin froh, wenn sich diese komischen Vögel alle im Tiefschlaf befinden, Sir.“

Etwa 10 Stunden später waren alle Mitglieder der Bruderschaft des Craig inklusive ihrer Ausrüstung an Bord der Canyonbreed. Die große Ladeluke wurde verschlossen und Lieutenant Dallas startete das Schiff. Einige Minuten später rief Captain Scott einige seiner Offiziere in den kleinen Konferenzraum zusammen. Sie besprachen die Kursabweichungen, den Zeitverlust und den weiteren Umgang mit der BDC. Mittendrin piepste der Kommunikator: „Captain Scott? Sir, hier steht Brudermeister Craig und sein Assistent Kane und bitten um ein weiteres Gespräch mit ihnen.“ Scott blickte genervt in die Runde seiner Offiziere und sagte dann: „Bringen Sie die beiden hoch zu uns in den kleinen Konferenzraum.“ Wenige Minuten später begrüßte Scott den Brudermeister: „Mister Craig, ich hoffe alle Mitglieder der Bruderschaft sind gut untergebracht worden. Was kann ich sonst für Sie tun?“ Craig schaute missmutig in die Runde: „Captain Scott, wohin bringen Sie uns, nachdem wir so glorreich von Ihnen gerettet wurden?“ Scott zeigte keine Reaktion auf die Ironie in Craig´s Worten: „Wir befinden uns wieder auf Kurs von LV-426, unserem eigentlichen Ziel.“ Craig runzelte die Stirn: „LV-426? Nie davon gehört. Wie lang wird das dauern?“ Lieutenant Jordan schaltete sich ein: „Laut unseren Berechnungen etwa 1 Jahr, 11 Monate und 6 Tage.“ Craig blickte an Jordan vorbei zum Captain, als wäre der Lieutenant Luft: „2 Jahre? Das ist doch wohl ein Witz? Bringen Sie uns zurück zur Erde, das dauert nur 6 Monate. Oder von mir aus bringen Sie uns zu Hope-17. Das liegt nur etwa 3 Monate entfernt und wir können von dort aus weiter reisen.“ Scott zeigte keine Regung in seinem Gesicht: „Mr. Craig, oder wenn Sie drauf bestehen: Brudermeister Craig. Ich glaube, Sie haben immer noch nicht verstanden, dass wir Ihnen und ihren Leuten das Leben gerettet haben. Sie wären zwar ohne uns heute noch nicht gestorben, aber jede andere Hilfe hätte 2-3 Monate gedauert. Und das hätten sie alle nicht überlebt. Wir alle auf diesem Schiff begeben uns in den nächsten 48 Stunden in die Kälteschlafkammern und reisen weiter zu LV-426. Sobald alle Siedler und deren Ausrüstung ausgeladen sind, fliegen wir weiter zu Luna-4. Dort werden wir wieder Passagiere und Ladung aufnehmen. Dann geht es zurück zur Erde. An welchem dieser Punkte Sie nun aussteigen möchten, bleibt Ihnen selbst überlassen. Aber an der Route wird sich nichts ändern.“ Craig bekam einen hochroten Kopf: „Was sollen wir denn auf LV-426 oder Luna-4? Das dauert doch mindestens 5 Jahre bis wir wieder zur Erde zurückkommen?“ Lieutenant Jordan schaltete sich erneut ein: „Laut neuesten Berechnungen 4 Jahre, 10 Monate und 29 Tage, wenn nichts dazwischen kommt.“ Craig wurde spürbar lauter: „Captain Scott, Sie wollen meiner gesamten Bruderschaft 5 komplette Lebensjahre nehmen? Da hätten Sie uns auch gleich auf Fury 161 lassen können. Ich verlange, dass Sie uns umgehend zur Erde oder zu Hope-17 bringen!“ Die negative Stimmung im Raum war deutlich zu spüren, aber Scott blieb dank seiner jahrelangen Erfahrung sehr gelassen: „Mr. Craig, ich denke 5 Jahre sind ein guter Tausch gegen ein ganzes Leben. Außerdem werden Sie im Tiefschlaf so konserviert, als wären es nur ein paar Tage. Schauen Sie mich an, in Wirklichkeit bin ich über 150 Jahre, aber dank der Tiefkühlung habe ich mehr als die Hälfte dieser Zeit verschlafen. An unserer Route wird sich nichts ändern. Ich habe hier 7120 Siedler an Bord, die nur darauf warten aus dem Tiefschlaf geweckt zu werden und endlich LV-426 zu besiedeln. 7 Tage Verzögerung um Ihre Leben zu retten sind für mich eine Selbstverständlichkeit, aber ich werde nicht mit Ihnen quer durch die Galaxis schippern, nur damit Sie es möglichst bequem haben. Teilen Sie mir mit, wo wir ihre werte Bruderschaft abladen sollen. Am besten, bevor Sie in die Kälteschlafkammer steigen. Ansonsten gedulden Sie sich bis zur Erde.“ Craig machte wieder einen bedrohlichen Schritt auf den Captain zu, aber gleich 3 Offiziere stellten sich sofort schützend vor ihn. Captain Scott drücke den Kommunikator: „Sergeant Dillon, kommen Sie zum kleinen Konferenzraum und begleiten Sie Craig und Kane zu ihren Räumlichkeiten.“ Craig fauchte in Richtung des Captains: „Ich habe einflussreiche Freunde, das wird Ihnen noch Leid tun!“ Dann öffnete sich die Tür und Sergeant Dillon kam mit 4 weiteren DNG-Marines herein. Sie nahmen die beiden Anhänger der Bruderschaft in die Mitte und führten sie hinaus.

Einige Stunden später meldete sich Sergeant Dillon bei Captain Scott über den Kommunikator: „Sir, dieser Craig und seine Bruderschaft haben sich in deren Lagerräumen eingeschlossen. Sie haben die Türen von innen verbarrikadiert. Sie sagten zu einem unserer Wachposten, dass sie meditieren und dafür Ruhe brauchen.“ Scott überlegte kurz und fragte dann: „Befindet sich in diesen Lagerräumen nur die Ausrüstung der BDC?“ – „Ja, Sir“ – „Dann lassen Sie die sich etwas abreagieren. Sorgen Sie nur dafür, dass sich alle von dieser feinen Gesellschaft spätestens in 12 Stunden in den Tiefschlafkammern befinden. Dann haben wir hoffentlich 5 Jahre Ruhe.“ – „Zu Befehl, Sir!“ Sergeant Dillon ließ 4 DNG-Marines zur Wache vor den Lagerräumen abstellen. Ein paar Stunden später kamen die Anhänger der Bruderschaft freiwillig aus dem Lagerraum. Sie verhielten sich plötzlich auffällig freundlich den DNG-Marines und anderen Crewmitgliedern der Canyonbreed gegenüber. Ohne Probleme folgten Sie den Anweisungen der Techniker und begaben sich einer nach dem anderen in die Kälteschlafkammern. Dies geschah recht zügig, bis nur noch Craig übrig war. Alle anderen Mitglieder der BDC schliefen bereits. Sergeant Dillon überwachte persönlich das Betreten der Kammer des Oberhauptes der Bruderschaft. Der zuständige Techniker der Kälteschlafkammer entdeckte ein unbekanntes Gerät um Craigs Hals. Dieser zeigte auf den Gegenstand: „Äh, Entschuldigung. Aber in die Kammern dürfen Sie nur Kleidung mitnehmen, sonstige persönliche Gegenstände sind leider verboten.“ Craig schaut den Techniker böse an: „Wagen Sie es nicht, mein heiliges Anch anzufassen!“ Sergeant Dillon kam hinzu: „Was ist denn hier das Problem?“ Craig versuchte fast den Gegenstand um seinen Hals zu verstecken: „Das hier ist mein heiliges Anch. Es ist mein äußeres Zeichen des obersten Brudermeisters. Mit ihm kann ich mit den Göttern kommunizieren. Ich werde es auf keinen Fall ablegen.“ Dillon musterte das seltsame Amulett: „Das hatten Sie doch bisher auch nicht um den Hals hängen.“ – „Das war ja auch vor der Meditation!“, fauchte Craig. Sergeant Dillon betätigte den Kommunikator: „Captain Scott, hier ist Dillon. Entschuldigen Sie die Störung, Sir. Alle Mitglieder der BDC befinden sich nun in den Schlafkammern, bis auf Craig selber. Er hat so ein komisches religiöses Ding um den Hals und will es für den Tiefschlaf nicht ablegen.“ Captain Scott besprach sich gerade mit Iris als ihn die Nachricht erreichte: „Sergeant Dillon, was ist das denn für ein Gegenstand?“ – „Sir, es sieht für mich aus wie eine Mischung aus Funkgerät und Fernbedienung. Ein paar Knöpfe und bunte Lampen“, sagte Dillon. Craig rief dazwischen: „Das ist ein Anch, kein Ding. Haben Sie etwas mehr Respekt vor unserer Religion!“ Scott seufzte am anderen Ende hörbar: „Wenn der werte Brudermeister Craig sich nun endlich in seine Schlafkammer begibt, dann kann er halt sein Spielzeug behalten. Scott Ende!“ Craig grinste zufrieden, hielt sein Anch fest in der Hand und legte sich bereitwillig in die Tiefschlafkammer. Dillon schloss diese persönlich zu und der Techniker schaltete die Kammer ein. Kurze Zeit später lagen auch die restlichen Crewmitglieder in den Kammern und zu guter letzt folgte ihnen auch Captain Scott, nachdem er persönlich noch mal den Kurs kontrolliert hatte. So schwebte die Canyonbreed wieder leise ihrem nächsten Ziel LV-426 entgegen.

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Autor: Kallisto

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